Das Leben erstromern

Das Leben erstromern

Jetzt ist es mal an der Zeit, zu klären, was ich eigentlich mit Stromern am Hut habe.
Stromern, das ist das, was alle jungen Menschen tun, wenn man ihnen den Raum und die Zeit dafür lässt. Es geht um erkunden, probieren, eben das, was man macht, wenn man das Leben entdeckt. Ich für meinen Teil, habe es in meiner Kindheit und Jugend manchmal bewusst, oft auch unbewusst gemacht – mal allein, mal mit Freunden, mal verträumt, mal im ausgelassenen Spiel.

 

Wunderbare Tage in den Feldern, in kleinen Vegetationsoasen in diesen, in Gärten, Tage an Bachläufen, in Bäumen, im Wald, in Gartenanlagen, im Dorf. Und bei schlechtem Wetter auch mal zu Hause oder im Haus von Freunden. Herrlich war es auf Dachböden, in Schuppen und Werkstätten oder einfach nur durch die Wohnung zu stromern. Überall gab es was zu entdecken: Schokolade, Omas Eingewecktes, alte Babysachen, Bilder, Tücher, Familiendokumente, kleine und große Geheimnisse und weiß der Kuckuck noch was. Was es war, war völlig egal. Es ging um den Akt des ungeplanten Entdeckens. Aber wann hat das aufgehört? Wann ging mir das verloren? Wann hatte der „Ernst des Lebens“ zugeschlagen oder vielmehr diese Freiräume zerschlagen? Ich kann das für mich ganz gut fest machen. Als vermeintlich wichtig wurde, anderen immer mehr zu gefallen, sich bewusst anzupassen und die Lockmittel nach dem „Häppchen vom Kuchen“ immer offensiver und in kürzeren Abständen präsentiert wurden. Im Grunde mit der in unserer Gesellschaft geschürten Konkurrenz. Das ging schleichend los und mit 12/13 Jahren bahnte sich das Stromerbedürfnis nur noch mühsam seinen Weg. Und wenn ich so zurückblicke, sehe ich aber auch immer wieder diese unbewussten Ausbrüche ins Stromern. Ich erschuf mir bei den eher langweiligen Familienspaziergängen die gedanklichen Freiräume. Ich konnte es regelrecht genießen, etwas zurückzubleiben oder vor zu laufen und dann für mich allein zu sein und Gedanken nachzuhängen. Oder bis heute eine meiner liebsten bewegungslosen Stromeraktivitäten: Im Fenster sitzen und rausschauen – das habe ich bis zur meditativen Perfektion betrieben.  Aber natürlich fraß auch mich der Erwachsenenalltag auf und die Stromerei war kaum noch zu realisieren. Mit der Geburt unseres Sohnes änderte sich das wieder. „Eine Runde ums Karree“ wurde zum „geflügelten Wort“ und ist es bis heute in unserer Familie. Und spätestens da zeigte sich ganz bewusst, rumstromern geht überall. Wir stromerten durchs Wohngebiet, auf Baustellen, am Bahnhof, in der Stadt. Aber auch diese Phase ließ sich dann durch die Verpflichtungen von Job und Schule kaum aufrechterhalten. Ab und zu, wenn wir uns aufraffen konnten, gab es diese schönen Momente noch. Wir haben uns unsere Wohnorte stets danach ausgesucht, ob das Umfeld zu unseren Stromerkriterien passte. Als ich mit unserer Tochter schwanger war, betrieb ich das Rumstromern dann wieder exzessiv und nach ihrer Geburt mit ihr gemeinsam ebenso. Doch wieder ging die schöne Zeit viel zu schnell vorbei. Schule, Job, Kita bestimmten unseren Familienrhythmus. Und dieser passte sogar nicht mit den Rhythmen der einzelnen Familienmitglieder zusammen. Wir durchliefen viele Prozesse, stromerten also zwischen und in uns selbst rum, um die notwendigen Veränderungen (an)zuerkennen und den Mut und die Kraft zu finden, diese auch anzugehen. Und nun stromern wir meist durch und um Taubach. Die Wiederentdeckung und das sich Bewusstwerden unserer Rumstromerei haben zum einen unser Familienhund Wilma und zum anderen der natürliche Drang die Welt zu erkunden unserer Tochter veranlasst. Nach unserer Entscheidung, das „Hamsterrad“ auslaufen zu lassen und auszusteigen, fanden wir uns mit deutlich mehr Zeit wieder. Fast unumwunden hat unsere Tochter begonnen, Ängste zu überwinden, ihre Grenzen zu erweitern und loszuziehen, Natur, Ort und Leute zu erkunden und stromert seitdem fast täglich um und durch unser Dorf.

 

Mir macht es eine so unglaubliche Freude, dies anzusehen und durch ihre begeisterten Erzählungen mitzuerleben oder gar mitgenommen zu werden, dass dieses Thema geradezu zwangsläufig in meine Gedankenwelt Einzug hielt. Und siehe da, die Idee des Stromergartens entwickelte sich.

Und während ich das aufschreibe und darüber nachdenke stelle ich fest, Stromern ist eine innere Haltung, die jungen Menschen einfach so gegeben ist und die wir erwachsenen oder viel mehr festgewachsenen Menschen uns erst wieder erarbeiten müssen. Aber diese Arbeit loht sich so sehr.
Denn Stromern ist Wege finden, diese ausprobieren, sich verlaufen, Angst haben, sie anerkennen und bestenfalls überwinden, ggf. zurückgehen, den Mut entwickeln in neues Terrain vorzudringen, sich aber auch umzuentscheiden, dabei die Herde auch mal verlassen, seinen eigenen Weg zu finden und zu gehen! Stromern ist Entdecken, Begeistern, Erschaffen, Scheitern, Weitergehen, Erfahrungen machen, Lernen.

Erstromert Euch das Leben!



4 thoughts on “Das Leben erstromern”

  • Deine letzten Sätze sind das Treffendste das mir in letzter Zeit untergekommen ist! Ja, liebe Jutta,. lass uns das Leben wieder ‚erstromern‘, wieder und immer wieder. Denn richtig : wir lassen uns viel zu oft davon ablenken. Und manchmal bedeutet es dann eben innezuhalten im Alltagswahnsinn, welcher uns so unendlich oft vom Wesentlichen abhält: dem Stromern durch Raum und Zeit.

    • Schön, liebe Anja, dass Du auch eine Stromerin bist. Das hatte ich ja schon geahnt. 😉 Und besonders gern würde ich mal mit Dir gemeinsam durch Deinen Garten stromern.

  • Wie schön, dass ich jetzt noch ein schönes Wort für das habe, was ich immer noch so gerne mache 🙂 Stromer – das gefällt mir. Ich nenne es ja meistens „erforschen“. Das geht mit Wiesen und Gestrüpp genauso wie in der Stadt. Du hast da so schön beschrieben, wie ich meine Kindheit und Jugend am liebsten verbracht habe. Und ich finde es auch wichtig, zumindest kleine Stromereinheiten auch als Erwachsener im Alltag unter zu bringen. Und wenn man auf dem Weg zur Arbeit nur mal an einer anderen Straßenecke abbiegt als gewohnt 😉

    • Liebe Miri, da kann ich Dir nur beipflichten. Wie auch immer das Leben gerade so läuft, die kleinen Stromereinheiten lockern auf und können uns zu Neuem und Unerwartetem führen und schwuppdiwupp, ist im langweiligen Alltag was passiert, was immer eine Erfahrung ist und im besten Fall noch begeistern kann. So wie Du für die Welt der Kräuter auf Deinem Blog begeistern kannst, den ich ja auch beim Rumstromern entdeckt habe. 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.