Die Grenzen eines Ausflugs – persönliche Grenzen und die Thüringer Landesgartenschau

Die Grenzen eines Ausflugs – persönliche Grenzen und die Thüringer Landesgartenschau

Sommer in Thüringen und da war es nun wirklich an der Zeit, einmal nach Apolda zur 4. Thüringer Landesgartenschau zu fahren. Drei Frauen aus drei Generationen machten sich auf den Weg. Am Eingang öffnete ich voller Erwartung den Geländeplan – nicht nur um zu erfahren, wo die nächsten Toiletten sind. Und klar gab es in Eingangsnähe erst mal einen kleinen Markt. Nicht der Rede wert, nichts Innovatives, nichts Nachhaltiges – der pure Konsum. Die ersten Beete machten eher einen traurigen Eindruck. Ãœberhaupt war in Sachen Anbau und Gestaltung kaum etwas geboten. Wenig Beete und nichts Innovatives. Es gab Themengärten, gestaltet von Thüringer Landschaftsarchitekten. Mal davon abgesehen, dass es für mein Empfinden wenige Gärten waren, fehlten mir hier überwiegend Ideen. Ich hätte mich so gern inspirieren lassen und gestaunt.

   

Grenzen überschreiten

Schön war der Palettenbereich beim Klima-Pavillion: große Sitzbänke, Hochbeete und Pflanztische. Auch die Rasenbank war zwar nichts Neues, aber dort ein Highlight. In dieser Ecke ging es mal um Nachhaltigkeit und Selbermachen. Da war wenigstens eine kleine Ecke in meiner Kragenweite.

  

In unmittelbarer Nähe befand sich der Friedhof. Irgendwie finde ich gut, dass Tod und Nachhaltigkeit so nah beieinander lagen. Tja, der liebe Generationenvertrag. Was sagt uns das? Sollte man über die Grenze des eigenen Lebens hinaus denken? Unbedingt und dabei nicht nur über die Grenzen im Miteinander zu Lebzeiten. Der Tod markiert auch eine Grenze. Da wird von Hinübergehen gesprochen oder von Grenzübertritt. Verdrängen oder ignorieren, wie es in unserer Gesellschaft so häufig vorkommt, führt doch meist nur zu Angst und somit zu Unsicherheit und Überforderung. Man denke da nur an das Miteinander mit behinderten Menschen, mit sterbenden Menschen, mit trauernden Menschen. Da uns dieses Thema in den letzten Jahren häufig beschäftigte und wir oft auf Friedhöfen zu Gast sind, empfand ich die Ideen der Thüringer Landesgartenschau zur Grabgestaltung als echte Wohltat im be- und erdrückenden Friedhofseinheitsbrei. Da hoffe ich doch mal, dass bei den Besuchern etwas hängen bleibt und sich die Lebenden trauen, den Toden mit mehr Lebendigkeit zu gedenken und auch hier gesellschaftliche Grenzen überschreiten. Mir für meinen Teil ist der Gedanke unerträglich, dass meine Überreste nach meinem Ableben eingeengt in so ein kleines begrenztes Stück Erde verbuddelt werden und diese dann separiert vom Leben an einem Ort des Todes liegen. Trauern und Gedenken ist für mich nicht aus dem alltäglichen Leben wegzudenken. Klar ist mir auch nachvollziehbar, dass Menschen, sich dafür einen besonderen Ort wünschen. Aber, was wenn eben nicht? Und die Möglichkeiten der Gestaltung eines solchen Ortes sollten doch sowieso grenzenlos sein.

Grenzen wahrnehmen

Doch weiter auf dem Rundweg der Thüringer Landesgartenschau in Apolda. Auch das kulinarische Angebot war leider sehr begrenzt. Wir landeten nach dem halben Rundgang in einem Großraumzelt, in dem wir von einer unglaublich biederen Ausstellung zum Thema Tischkultur und Pflanzen empfangen wurden. Danach öffnete sich ein Großkantinenbereich mit Selbstbedienung. Wir suchten uns einen Platz im akkurat bestuhlten Außenbereich. Von Flair und dem Gefühl an einem Ort zu weilen, bei dem es um Wachstum und Natur geht, weit gefehlt. Wir erwarteten jetzt nicht mehr allzu viel. Das Reformationsjubiläum spiegelte sich in einer Art Freiluftkapelle wieder, das war ganz nett, mehr aber auch nicht. Es gab noch einen kleinen Bereich mit Hängesitzen und Hängematten, in dem man ruhend ein eigens komponiertes Musikstück hören konnte. Bei  mir stellten sich bei den Tönen alle Nackenhaare auf. „Instrumentalesoterikschlager“ – so würde ich es mal einordnen. Hier war die Grenze meiner musikalischen Toleranz erreicht. Meiner Tochter war dies egal, ihre Grenze des „mitlaufenden Einordens“ nahte deutlich. Also galt es einen kleinen Konsens zu finden. Meiner Tochter gefiel es unter der Akustikdusche wegen der Hängesitze und Hängematten super.

Kein Problem, wir mussten beide unsere Grenzen des Erträglichen nicht überschreiten bzw. konnten sie wahren. Sie trottete nicht mehr einfach nur mit und ich suchte mir eine Platz außerhalb der Hörweite. Die nächste Station Spielplatz versprach zum Highlight des Besuchs zu werden. Das hatten wir uns schön ausgemalt. Die jüngste Dame der Runde könne sich austoben und ein Eis vertilg, die beiden älteren würden mit einem Eis bzw. Kaffe in der Hand die Sitzgelengenheiten testen. Doch welch grenzenlose Enttäuschung als wir feststellten, dass weit und breit kein noch so kleines kulinarisches Angebot zu finden war. Nichts! Und das in der Nähe des Spielplatzes! Nun gut, der Spielplatz wurde trotzdem getestet und für top befunden.

Grenzen übertreten

Mehr war hier nicht zu erleben, also machten wir uns auf in Richtung Ausgang mit dem Plan, in Apoldas Innenstadt ein Eis zu essen. Ohne große Umschweife gingen wir wieder zu dem Tor, durch das wir eingetreten waren, die Jüngste im Bunde gut gelaunt vornweg. Als sie plötzlich zwei Männerhände an den Schultern packten nach links drehten und die dazugehörige sonore Stimme sagte: „Der Ausgang ist da drüben. Du kannst ja noch nicht lesen.“ Der Ausflug war durch. Meine Tochter wirkte wie versteinert, bewegte sich nur schemenhaft auf der Suche nach mir. Blickkontakt und mein sofortiger Schutz waren von Nöten. Das kam nun nicht überraschend. Ich spurtete sofort los, als der Herr sie anfasste. Nicht, dass ich vermutete, er wolle sie begrapschen. Nein, ich hatte die Situation sofort erkannt. Er hat einfach das getan, was in unserer Gesellschaft üblich ist. Übergriffiges Verhalten Kindern gegenüber. Und hier äußerte es sich direkt körperlich. Niemand möchte gern angefasst werden, ohne sein Einverständnis dazu gegeben zu haben. Bei Kindern wird das aber nur allzu häufig gemacht. Ach, die sind ja so süss. Das ist ja nur lieb gemeint. Und ich bin der Meinung, dass man den kleinen Menschen unbedingt beistehen muss und bekräftigen muss, dass dies nicht in Ordnung ist. Es ist einfach nicht in Ordnung, wenn sie gegen ihren Willen angefasst werden – egal von wem. Denn wenn sie die Erfahrung machen, dass dies in unserer Gesellschaft nun mal so sei, ihr Gefühl also nicht richtig ist und sie das schlucken müssen… Da möchte ich gar nicht weiter schreiben. Aber doch! Sollen das dann die kleinen starken Menschen sein, die laut „Nein“ sagen, wenn der „böse schwarze Mann“ sie anspricht oder anfasst? Um sich gegen so etwas und Gewalt in jeglicher Form zu wehren, bedarf es einer starken Persönlichkeit. Dafür ist es unbedingte Voraussetzung, dass man die Erfahrung macht, dass man selbstverständlich eigene Grenzen hat und es absolut normal ist, dass diese respektiert werden. Wenn dies nicht der Fall ist, ist demzufolge etwas nicht in Ordnung und falsch. Und im Übrigen haben eben auch solche starken Persönlichkeiten eine entsprechende Ausstrahlung und kommen viel seltener in eine Opferrolle. Damit hatte ich mich schon seit langem beschäftigt und das schoß mir schlagartig alles durch den Kopf.

Grenzen verteidigen

Ich unterstützte meine Tochter sofort, indem ich sie unverzüglich aus der Nähe der Herren brachte, ihr klar sagte, dass dies absolut nicht in Ordnung war. Dass die Männer sie nicht erschrecken wollten, ich aber gesehen habe, dass sie genau das gemacht haben und dass ich mit ihnen reden werde, damit sie das wissen und vielleicht nicht noch einmal bei einem anderen Kind tun. Gesagt getan. Die älteste Frau im Bunde empfand das als ziemlich überzogen und meinen Gang zu den beiden Herren am Einlass war ihr vor allem unangenehm. Eine andere Generation, die auch ein anderes Verständnis von Geschlechterrollen hat und von zwischengenerationellen Verhältnissen sowieso. Doch für meine Tochter war diese Geste ungemein wichtig. Mir war nur wichtig, dass sie sah, dass es falsch ist ihre Grenzen zu verletzen und dass ich diese für sie verteidige. Ich atmete also nochmal tief durch, bevor ich mich nach Rechts drehte und auf die beiden Herren am Eingang zusteuerte. Ich fühlte mich gut, weil ich beschlossen hatte, ruhig und freundlich einen Hinweis zu geben und nicht zu verurteilen. Gesagt, getan.

Vielleicht doch lieber die ega

Nachdem meine Tochter nach meiner Rückkehr mehrfach äußerte, dass sie niemals im Leben wieder hier her möchte, war es nun eindeutig Zeit für eine eiskalte Abkühlung, Ab zum Auto und schnell in die Innenstadt. Für drei Minuten, in denen wir uns ein Eis holten, haben wir dann noch einen Strafzettel bekommen. Damit war auch für mich Apolda erstmal durch. Schade, wir waren da und sie hatten eine faire Chance. Aber das ging gründlich in die Hose. Ich glaube, wir fahren nächste Woche einfach mal nach Erfurt auf die ega. Da wissen wir, wie das mit den Ein- und Ausgängen funktioniert und überhaupt gibt es da für Gärtner und Spieler mehr zu entdecken.



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