Wachstum – im Beet und im Leben

Wachstum – im Beet und im Leben

Erwartungen & Ungeduld sind keine Gartenfreunde

In den letzten Tagen schlich ich um die Beete und übte mich im Umgang mit meinem noch recht neuen Kumpel Geduld. Ich ertappte mich, dass ich das Wachstum und somit das Aufblühen der Tulpen im Stromergarten regelrecht herbeisehnte. Diese Ungeduld ist den Tulpen mal piepegal. Bei mir schlich sich aber irgendwie ein negatives Gefühl ein. Wieso das? Ich war in meinem geliebten Garten und freute mich auf schöne Blüten? Mit dem Morgenkaffee in der Hand ging mir allerdings ein Licht auf. Ungeduld hat immer mit Erwartungen zu tun. Ha! Diese jahrelang antrainierte Angewohnheit, solche zu erfüllen, lege ich doch gerad ab. Da fühlt es natürlich auch unangenehm an, von eigenen Erwartungen gepiesackt zu werden. Doch meine Erwartungen waren den entspannten Tulpen piepegal. Mit meinem ungeduldigen Herumgetrampel, machte ich mehr kaputt. Sie wachsen still und friedlich vor sich hin, wenn ich mich einfach zurückhalte. Genau wie wir Menschen. Wir passen schon ganz gut in die Natur, wenn wir nicht so ungeduldig und zielorientiert wären. 

Ein Gewächshaus ist keine Wiese.


Auch wir würden einfach ganz natürlich und somit auch entspannt wachsen, wenn nicht ständig irgendwelche wohlmeinenden Gärtner an den Trieben schneiden würden. Klar, könnte ich bei Trockenheit mit der Gießkanne durch die Beete stapfen und überall die gleiche Menge Wasser auskippen. Doch was bringt das? Jede Pflanze hat andere Bedürfnisse – wie jeder Mensch. Durch das Einmischen schaffe wir unnatürliche Bedingungen. Pflanzen sowie Menschen können sich dann nicht mit den tatsächlichen Gegebenheiten anfreunden und nicht mit ihnen oder trotz ihnen Überlebensstrategien erproben. Die braucht es aber, um weiter zu wachsen. Ein Gewächshaus ist keine Wiese. Wir wissen alle, wie lange die Kräuter in den Töpfen aus dem Supermarkt durchhalten. Die eigene Stärke ist so wichtig, damit eben auch die schwierigen Phasen in der natürlichen Umgebung gemeistert werden können.

Geduld & Regeneration – die Chancen für Wachstum

Nach den langen harten Frostperioden im vergangenen Winter haben so einige Pflanzen gelitten. Ich reiße sie aber nicht einfach aus dem Boden, nur weil sie gerade nicht so mit spielen. Sie bekommen Zeit zur Regeneration – ohne sie in eine pädagogische Maßnahme umzupflanzen. Dabei belasse ich sie in ihrem gewohnten Umfeld, denn genau dort, soll das geschwächte Pflänzchen ja wieder aufblühen können. Diese Herangehensweise hat sich schon viele Jahre bewährt. Und während ich das schreibe keimt in mir der Verdacht – dass Geduld doch schon immer in mir schlummerte, an mir aber so viel zurecht gestutzt wurde, dass sie gar keine Triebe ansetzen konnte. 

Rückzug & Antriebslosigkeit – gesunde Reaktionen

Wir züchten an unsere jungen Pflänzchen so sehr rum, dass sie es oft schwer haben, wenn sie dann vom Topf in den Garten bzw. ins Leben gelassen werden. Wenn es ein „gepflegter“ Garten ist, dann werden Unkraut und Wildwuchs bekämpft. Damit alles makellos strahlt wird regelmäßig gedüngt, gern auch mit Lob, Geld und anderen Konsumversprechen. Immer mal wieder eine kleine Gabe und schon springen ein paar Knospen auf – die Erwartungen werden erfüllt. Doch diese Pflanzen halten meist nicht lange durch. So viel Blühen ist anstrengend. Da braucht es eben auch mal Erholungsphasen. Doch die sind in vielen Vorzeigegärten nicht so gern gesehen. Wenig Blätter, kaum Blüten – so unansehnliche Gewächse könnten den schönen Anblick trüben und werden dann als krank diagnostiziert und lieber entfernt. Burnout, Depression usw. wer will das schon? Nicht dass das auf andere Pflanzen überspringt – ach lieber weg damit. Doch schauen wir mal genauer hin. Der Boden ist ausgelaugt vom vielen Düngen, die Kräfte der Pflanzen sind vom unnatürlichen Wachstum ausgezehrt. Da sind Rückzug und Antriebslosigkeit auf einmal keine Krankheiten mehr – es sind gesunde Reaktionen auf eine ungesunde Umgebung.

Vom Vorzeigepflänzchen zum Wildwuchs

Da kann ich aus eigener Erfahrung berichten. Ich bin ein „Vorzeigepflänzchen“. An mir wurde viel gestutzt und ich habe meine Blüten auch schön in die Richtung treiben lassen, in der sie gewünscht waren und von anderen gesehen wurden. Doch irgendwie wurden es immer weniger Blüten und es war so anstrengend, überhaupt welche zu bilden. Dann habe ich mich mal nach natürlichen Nährstoffen und gesunden Bedingungen umgesehen. Ich wurde fündig. Nach einer Zeit des Rückzugs mit ganz wenig Blüten, verspüre ich inzwischen ganz neue Kräfte. Ich wachse und bin gespannt auf die neuen Blüten. Zudem läuft die Photosynthese bestens an und ich habe das Gefühl, dass ich gute Luft verbreite mit dem Stromergarten. Ich wachse durch, mit und in ihm. Ich wünsche mir sehr, dass viele unterschiedliche Pflänzchen, hier einen Ort finden, an dem sie sich erholen und Wachstumsimpulse finden.

Ihr lieben aufrechten, krummen, kleinen, großen, blühenden, zurückgezogenen, fruchtigen, duftenden, strahlenden, treibenden, verkriechenden, wachsenden Pflänzchen kommt gern in den Stromergarten, hier findet ihr noch jede Menge andere Gewächse, denen es gerade genau so geht oder eben ganz anders. Inspiriert Euch und wachst mit und aneinander, jeder in seinem Tempo.



4 thoughts on “Wachstum – im Beet und im Leben”

  • Klasse geschrieben, liebe Jutta. Zu dem Thema Erwartungen an sich selbst empfehle ich ein kleines Büchlein:“Die Kunst, die Eltern zu enttäuschen“ von Michael Bordt. Nur 81 Seiten, aber klar und freundlich geschrieben.

  • Guten Abend,

    Ich habe dich in Instagram unter der #meetthebloggerde Challenge entdeckt und war ja ganz erstaunt, wie viele an dieser Challenge teilnehmen.

    Deine Bilder und Texte haben mir so gut gefallen, dass ich auch gleich mal durch deinen Blog stöbern musste. Du hast wirklich einen tollen Blog, man merkt, dass hier jede Menge Arbeit und Liebe hinter steckt. Mach weiter so!

    Einen schönen Abend und ich würde mich sehr freuen, wenn du bei mir auch vorbei schauen würdest.

    Liebe Grüße,
    Christin von https://nochedeverano.com/

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